„Sie sind eine schlechte Mutter!“

Eine Momentaufnahme,
doch 365 Tage hat das Jahr.

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Samira, Gastautorin
THE PARENTS NEXT DOOR

365 Tage hat das Jahr. Ich sehe sie fast jeden Tag bei uns im Viertel.
Die Mutter mit ihrem Kind.

Ich sehe sie im Supermarkt. Das Kind sitzt im Einkaufswagen und lacht. Jedes Teil darf es selbst in den Wagen werfen. In den breiten Gängen dreht die Mutter es schnell im Kreis und das Kind jauchzt laut bei der wilden Karrusselfahrt.
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Ich sehe sie auf der Straße.

Sie ist beladen mit Einkaufstüten und trägt zudem ihr Kind in der Trage. Sie singt Kinderlieder und das Kind klatscht fröhlich in die Hände.

Ich sehe sie auf dem Platz vor der Kirche.

Sie rennt mit ihrem Kind um die Wette; es quiekt vor Freude und sie wirbelt es durch die Luft. Ich sehe sie im Park. Sie pustet für ihr Kind Pusteblumen und es staunt über die fliegenden Samen.

Ich sehe sie am Springbrunnen.

Sie plantscht mit ihrem Kind im Wasser und die beiden spritzen sich gegenseitig nass.

Ich sehe sie auf einer Bank.

Sie packt Dosen aus und das Kind strahlt über das ganze Gesicht beim Anblick des eingepackten Essens. Ich sehe sie vor dem Büdchen. Das Kind malt mit Straßenkreide auf dem Boden; sie ist über und über mit Farbe bekleckert.

Ich sehe sie am Lüftungsschacht.

Sie wirft Blätter auf das Gitter und das Kind kreischt glücklich als eine U-Bahn kommt und sie in die Höhe fliegen. Ich sehe sie auf dem Spielplatz. Das Kind klettert durch eine kleine Eisenbahn und sie macht den Schaffner.

Ich sehe sie im Hauseingang.

Sie spielt mit dem Kind Verstecken; überglücklich läuft es ihr entgegen, wenn es sie gefunden hat. Ich sehe sie im Zoo. Sie erklärt ihrem Kind die Tiere und imitiert die Geräusche.

Ich sehe sie an der Baustelle.

Sie zeigt ihrem Kind Bagger und Kran aus den Bilderbüchern.

Ich sehe sie, als sie müde ist.

Runde um Runden dreht sie trotzdem mit dem Kinderwagen und summt dabei leise ein Schlaflied. Ich sehe sie, als ihr kalt ist. Es hat zu regnen begonnen und sie hat ihre Jacke um ihr Kind gelegt. Ich sehe sie, als sie durstig ist. Sie will gerade zur Wasserflasche greifen, als ihr Kind die Hände reckt und sie ihm den letzten Schluck gibt.

365 Tage hat das Jahr. Ich sehe sie fast jeden Tag bei uns im Viertel. Es ist immer die selbe Mutter mit ihrem Kind. Ich sehe sie fast jeden Tag und habe noch nie etwas zu ihr gesagt.

Ich sehe sie auch an diesem Tag.

Sie steht in einem Gang im Drogeriemarkt. Das Kind ist quengelig und hat in seinen kleinen Einkaufswagen sicherlich fünfzehn Packungen Kondome gestopft. Sie redet beruhigend auf das Kind ein und versucht gleichzeitig, die Ware zurück zu stellen. Um sie herum sind ihre eigenen Einkäufe verstreut. Das Kind bekommt einen Wutanfall, schreit hysterisch und wälzt sich am Boden. Sie versucht es zu besänftigen und wieder in den Kinderwagen zu setzen, aber das Kind will aus dem Wagen klettern. Verzweifelt bemüht sie sich, es anzuschnallen.

Da höre ich, wie eine ältere Frau zu dem Kind ruft: „Du kannst einem leid tun, du armes Kind! Aber seine Eltern kann man sich leider nicht aussuchen.“ Und dann an die Mutter gewandt: „Sie sind genau die Richtige: erst sich Kinder anschaffen und dann nicht damit umgehen können! Sie sollten sich schämen! Sie sind eine schlechte Mutter! Sie können mit Ihrem Kind überhaupt nichts anfangen!!!“. Da brüllt sie los; durch den ganzen Laden. Sie brüllt, dass es ein Trotzanfall eines Kleinkindes ist und ob sie noch ganz bei Trost wäre.

Sie brüllt vor Verzweiflung.

Sie brüllt vor Erschöpfung.

Sie brüllt vor Hilflosigkeit.

Sie brüllt und brüllt. Sie brüllt noch, als eine Verkäuferin kommt, um sie zu besänftigen.

Sie brüllt und ihr Kind brüllt.

Leise höre ich einen der Umstehenden sagen, dass sie doch eigentlich Recht hat… Ein paar Straßen weiter sehe ich sie wieder. Ihr Kind mampft ein Brötchen und brabbelt zufrieden vor sich hin.

Sie sitzt auf einer Bank, hat den Kopf auf den Kinderwagen gelegt und weint.

365 Tage hat das Jahr.

Ich sehe sie fast jeden Tag bei uns im Viertel. Ich sehe sie fast jeden Tag und habe noch nie etwas zu ihr gesagt. Wenn ich sie das nächste Mal sehe, dann spreche ich sie vielleicht an.

Wobei es gut möglich ist, dass ihr sie zuerst seht. Sie wohnt mit Sicherheit auch in eurem Viertel. Dann seid doch bitte so gut und bestellt ihr schöne Grüße von mir.

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