Corona Virus – das Leben zwischen Deutschland und China

Im Januar 2020 habe ich das erste Mal von ihm gehört. Corona Virus. Es war in allen Chats und Nachrichten. Wir ahnten bis dahin nicht, was das für uns bedeuten sollte. Mitte Januar sind mein Mann und meine 5 Jahre alte Tochter nach Australien in den Neujahresurlaub geflogen. Da standen in Wuhan/China fast 60 Millionen Menschen unter Quarantäne. Wir hatten vor 10 Tage in Australien zu bleiben. Am Ende waren es 3,5 Wochen.

Die Firmenöffnung nach Chinese New Year wurde erst verschoben, dann wurde Home Office angeordnet. Wir warteten jeden Tag auf Neuigkeiten- und auf N95-Masken. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, auch nur eine der N95-Masken oder OP-Masken zu bekommen. In ganz Australien waren sie bereits ausverkauft. Von China ganz zu schweigen.

Zu diesem Zeitpunkt war schon bekannt, dass Kinder, die in China mit dem Virus infiziert werden, von Ihren Eltern getrennt und in ein separates Fieberkrankenhaus gebracht werden. Aus diesem Grund entschieden wir uns, dass Clara und ich besser in Deutschland bei unserer Familie aufgehoben sind.

Am 15. Februar sind Clara und ich dann auch nach Deutschland geflogen. Es war sehr emotional, da wir nicht wussten, wie lange wir von meinem Mann, Claras Papa getrennt sein werden und natürlich war auch richtig Angst dabei.

Mein Mann wurde in Shanghai nach Hause gebracht und musste 2 Wochen in Home Quarantäne. Ich versorgte ihn durch Online-Bestellungen mit Lebensmitteln und Getränken. Die Stadt war wie leergefegt. Keine Autos. Keine Menschen. Alles war geschlossen.

Nach 2 Wochen durfte er dann das erste Mal wieder in die Firma. Dort wurden strengste Vorkehrungen eingehalten. Mehrmaliges Fiebermessen am Eingang und zu jedem Stockwerk. Einen Meter Abstand zu Kollegen halten. Bei Meetings immer Fenster auf und selbstverständlich Maskenpflicht. Die Mitarbeiter wurden darin bestärkt, weiterhin im Home Office zu arbeiten.

In der Zwischenzeit hatte bei uns das Home Schooling begonnen. Die chinesischen Schulen hatten jeden Tag zu bestimmten Uhrzeiten Live-Unterricht am Computer. Die Internationalen Schulen hatten strikt vorgegebene Aufgaben die jeden Tag zu erledigen waren.

Da meine Tochter in einem internationalen Kindergarten ist, war unser Unterricht nicht so streng wie der von schulpflichtigen Kindern. Wir bekamen jeden Tag von den 4 Klassenlehrern liebevoll aufgenommene Videos, mit Spielideen und Aufgaben.

Dann kamen die Nachrichten aus Italien. Der Virus war nun auch in Europa. Für uns war es interessant zu sehen, wie unser Umfeld mit dem Virus umgegangen ist. Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt bereits so gut es ging mit Desinfektionsmitteln und Masken eingedeckt. Meine Familie war durch unsere Erlebnisse in China bereits sensibilisiert für das Thema und hat es nicht auf die leichte Schulter genommen. Bei vielen anderen herrschte da aber noch Sorglosigkeit und die, die Vorsorge getroffen hatten, wurden tatsächlich belächelt.

Mir wurde es inzwischen immer heisser in Deutschland und ich hatte Angst, dass beispielsweise die Grenzen zu gemacht werden und wir gar nicht mehr nach Hause (China) kommen würden. Somit entschieden wir uns, unsere Flüge auf den 07. März 2020 umzubuchen. Ein Direktflug ab Frankfurt mit China Eastern.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich in Shanghai sicherer bin als in Stuttgart.

Mein Bruder fuhr mich und meine Kleine zum Flughafen. Am Flughafen angekommen tragen wir alle eine Maske, um uns und andere zu schützen. Ich war sehr überrascht, dass nahezu keiner der Deutschen am Flughafen eine Maske trug. Obwohl es in Deutschland bereits hunderte Infizierte gab.

Wir stellten uns an den Check-In Schalter von China Eastern. Alle Mitreisenden hatten eine Maske auf, in China mittlerweile Pflicht. Bei jedem Passagier wurde am Schalter Fieber gemessen. Danach durften die Koffer erst auf das Band gestellt werden.

Am Gate wurde wieder Fieber gemessen. Ohne Maske durfte keiner an Board. Die Maske war während des gesamten Fluges Pflicht. Uns wurde auch während des Fluges zweimal Fieber gemessen. Gerade gelandet mussten wir auf den Health Service warten. Dieser checkte die Boardingliste und den Zustand der Passagiere. Wir durften das Flugzeug in Gruppen von 30 Personen verlassen. Dazwischen war immer wieder circa eine Stunde warten angesagt.

In Shanghai selbst gibt es einen Health QR Code, den man braucht, um in öffentliche Gebäude zu kommen. Diesen mussten wir auf unser Handy laden. Danach ging es zum Interview. Circa 30 Tische, jeder Fluggast wurde einzeln befragt. Auch die Einreise und Ausreisestempel im Reisepass waren wichtig, um nachzuweisen, wo man in der letzten Zeit war.

Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland noch nicht auf der roten Liste. Das passierte 3 Tage später.

Am Ende der Befragung gab es grüne, gelbe und rote Punkte. Die entschieden darüber, ob man in Regierungsquarantäne oder Heimquarantäne mit polizeilicher Begleitung oder privat nach Hause durfte.

Meine Tochter und ich hatten grüne Punkte und durften somit von meinem Mann abgeholt werden.

Zu Hause angekommen, wurden wir am Eingang vom Neighbourhood Commitee in Empfang genommen. Ich musste diverse Daten angeben, Fieber messen und unterschreiben, dass ich mich die nächsten 14 Tage nicht aus meiner Wohnung bewege. Das hätte sonst polizeiliche Konsequenzen.

Somit sind wir jetzt zu Hause und machen uns die Zeit so schön wie möglich. Alles in Allem ist es für uns gerade eine ganz verrückte Situation. Wir sind vor dem Virus in China nach Deutschland geflohen um dann vor dem Virus in Deutschland nach Shanghai zu fliehen. Wir fühlen uns hier sehr sicher. Sicherer als momentan in Deutschland.

Wir machen uns natürlich große Sorgen um unsere Familie. Wichtig ist jetzt, dass alles getan wird, um das Virus zu stoppen. Wir haben hier erlebt, was das Virus anrichten kann. Ich war in engem Kontakt mit unseren chinesischen Freunden, welche die ganze Zeit hier in Shanghai waren. Jeder einzelne hält sich extrem streng an die Vorgaben. Nur so war es möglich, den Virus in den Griff zu bekommen. Wir warten jetzt noch auf viele unserer internationalen und deutschen Freunde, die derzeit auf der Welt verstreut sind und teilweise erstmal nicht nach Hause kommen.

Das Blatt hat sich gewendet. In den letzten Tagen hatten wir erneut Covid19 – Infizierte, die alle gerade eingereist sind. China tut alles, um das Land zu schützen – diesmal von außerhalb. Umso strenger sind gerade die Einreisemodalitäten.

Viele meiner Freunde gehen teilweise freiwillig in Home Quarantäne. Jeder tut was verlangt wird, damit der Virus nicht wieder ausbricht. Hier haben alle eines gelernt, es kann jeden treffen: Baby, Kind, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen. Jetzt geht es darum, dass jeder den anderen schützt. Händehygiene, Masken, keine Umarmungen, keine Veranstaltungen.

Es wird noch genug Zeit für Parties, Restaurant- und Theaterbesuche geben. Aber jetzt müssen wir aufeinander achtgeben. Mit Respekt und Fürsorge für andere.

Autorin

Ich bin Carina, 42 Jahre und lebe seit 4 Jahren mit meinem Mann und unserer Tochter in Shanghai (China). Ich schreibe Euch aus meiner Home Quarantäne.

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