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Teil 2

Früher Abschied: Der Verlust eines Kindes

Janina Rogoll Fehlgeburt Totgeburt Der Verlust eines Kindes The Parents Next Door Mamablog

Janina Rogoll, Autorin
Psychologische Psychotherapeutin

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Hinter jedem Kindsverlust steckt eine sehr persönliche Geschichte. Um das zu verdeutlichen, werde ich im Folgenden drei sehr unterschiedliche Verlusterfahrungen schildern. Mir ist wichtig zu betonen, dass die folgenden Darstellungen ausgedacht sind. Sie ähneln jedoch Fällen, die mir innerhalb meiner Praxistätigkeit begegnet sind:

Bildrechte Adobe Stock / © kishivan

Felix

Felix rief an, weil er den Tod seines Sohnes immer und immer wieder erlebt. Vor seinem inneren Auge läuft das gesamte Ereignis, der Morgen an dem er ihn tot in seinem Bett gefunden hat, in unterschiedlichen alltäglichen Situationen ab. Dabei ist es egal ob er zur Arbeit fährt oder sich gerade etwas zu essen macht, plötzlich und unerwartet scheint es, als wäre er wieder in der Situation an diesem einen besagten Morgen. Felix fühlt sich wie in einem ständigen Alarmzustand, schreckhaft, nicht mehr fähig sich zu konzentrieren oder gar alleine in der gemeinsamen Wohnung zu sein. Er weiß nicht wie er ohne seinen Sohn weiterleben kann. Wäre seine Frau nicht da, wisse er nicht, was er tun würde.

Sina

Sina verlor ihr Baby in der 8. Schwangerschaftswoche ohne erkennbare Ursache. Sie wachte in ihrem Bett auf, hatte Blutungen und machte sich auf den Weg zum Arzt. Ihre Gynäkologin teilte ihr mit, dass das Kind nicht mehr leben würde und ein Termin für eine Ausschabung gemacht werden sollte. Lisa war in einer Schockstarre. Es war das dritte Baby, was sie verlor. Das Erste in der 6. Woche, das zweite kurz nach dem positiven Schwangerschaftstest, jetzt das Dritte in der 8. Woche. Die Ärzte nannte Lisa keine Gründe, es gab offensichtlich keine medizinisch feststellbaren. Sie kam in die Praxis, weil sie an ihrem Körper zweifelte, ihr Partner sie inzwischen verlassen hatte, sie ihren gewohnten Aktivitäten nicht mehr nachgehen, nicht mehr durchschlafen und keine Freude mehr empfinden konnte.

Imke & Ralf

Imke und Ralf haben in der 25. Schwangerschaftswoche erfahren, dass ihre Tochter an einer Herzfehlbildung leidet und sie wahrscheinlich noch in der Schwangerschaft versterben wird. Ihre Tochter wurde in der 28. Woche still geboren. Still geboren bedeutet, dass ein Kind tot geboren wird. Imke und Ralf möchten eigentlich keine Therapie. Sie möchten in einem Gespräch professionell abklären lassen, ob bei ihnen „alles normal“ ist. Ob es normal ist über mehrere Monate wellenartig zu trauern, sich nicht mit anderen Eltern die ebenfalls ein Kind verloren haben austauschen zu wollen, mal glücklich zu sein und sich im nächsten Moment dafür zu schämen.

Real

Wir sehen also anhand dieser fiktiven aber realistischen Beispiele, dass die Umstände und Zeitpunkte ein Kind zu verlieren ganz unterschiedliche sein können. Außerdem kann es sich um ganz unterschiedliche Wahrnehmungen bezüglich der Trauer, Beschwerden und benötigter Hilfe handeln. Die unterschiedlichen Umgangsformen damit dürfen sein und sind weitgehend normal, egal zu welchem Zeitpunkt man sein Kind verliert.

Trauer

Was neben den individuellen Erinnerungen bleibt ist ein neuer Begleiter: Trauer.

Trauer hat viele Gesichter die von maximaler Verzweiflung, über emotionaler Lähmung bis zu zerstörerischer Wut reichen. Das Menschen trauern ist jedoch normal und notwendig. Auch wenn es sich erstmal nicht so anfühlt hilft sie, das Geschehene Schritt für Schritt zu realisieren und sich auf die neue Lebenssituation einzustellen. In der akuten Trauersituation wird das Auf- und Nachkommen der eigenen Bedürfnisse eingestellt. Das Immunsystem fährt herunter, Hormone werden freigesetzt und lassen alles Unwirklich erscheinen, die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme wird reduziert. Nichts erscheint mehr wichtig, die Trauer zeigt sich in verzweifelter, wütender, dankbarer, sarkastischer oder hilfloser Form.

Wenn man so die ersten Begegnungen mit seiner Trauer oder mit der Trauer von anderen Menschen gemacht hat, begegnet einem meist unweigerlich der Begriff des Trauerjahrs.

Dieser Begriff stammt ursprünglich aus dem römischen Recht und besagte, dass es einer Witwe bis zehn Monate nach dem Tod ihres Mannes verboten war erneut zu heiraten. Bis 1946 war dieses Verbot laut deutschem Gesetz gültig. Ebenfalls erhielt die Frau im ersten Jahr nach dem Tod ihres staatsdienenden Mannes eine finanzielle Unterstützung. Obwohl das Gesetzt seine Gültigkeit verlor, setzten sich die damaligen Erwartungen und Anforderungen in der Moral der Gesellschaft fort. Isolation, schwarze Kleidung, Ernsthaftigkeit und Beziehungsabstinenz wurden hauptsächlich von den Frauen erwartet.

Abschied

Neben den historischen, mittlerweile überholten Hintergründen, des Trauerjahrs gibt es einige Aspekte, die das erste Jahr der Trauer, also das erste Jahr nach dem Verlust so bedeutsam machen. Sicherlich am prägendsten ist der Verlust selbst. Man erlebt einen absoluten Ausnahmezustand, die ersten Tage und Wochen erscheinen absolut unwirklich. Der Körper fährt auf die nur absolut notwendige Versorgung zurück. Zuvor bedeutende Aufgaben wie Termine, Treffen mit Freunden, Arbeit oder Unternehmungen scheinen unwichtig. Man fühlt sich kraftlos, müde und möchte sich vor allem und jedem zurückziehen. In diesem ersten Trauerjahr liegen auch „alle ersten Male“. Das erste Mal Weihnachten ohne „dich“, die Jahreswende, das Osterfest, „dein regulärer Geburtstermin oder dein Geburtstag. Der erste Mutter-oder Vatertag, der erst Todestag und der Tag deiner eventuellen Beerdigung. Alles unter Umständen bedeutsame Tage von denen man im ersten Trauerjahr noch nicht weiß wie sie verlaufen und sie unweigerlich auf einen zukommen werden. Aufregung, Ängste, Überforderung, hochkommende Erinnerungen und die Trauer über die gemeinsame Zukunft sind oft die Gefühle, die einen unkontrolliert treffen. Ähnlich verhält es sich mit den Jahreszeiten, die die Vergänglichkeit und die voranschreitende Zeit verdeutlichen, obwohl einem eigentlich nach Stillstand sein könnte.

Auch die Frage des „sozialen Umgangs“ stellt sich im ersten Jahr der Trauer.

Wer ist noch da? Mit wem kann ich über meine Trauer reden? Darf ich überhaupt darüber reden? Möchte ich das?

Leben

Das bisherige Leben hat sich schmerzlichst verändert. Es wird lange, vielleicht ein ganzes Leben lang weh tun. Es wird jedoch auch anders werden. So unvorstellbar es zunächst erscheinen mag, man kann lernen mit dem Verlust zu leben.

Teil 3

Im nächsten und letzten Beitrag werdet ihr unter anderem erfahren, was man machen kann, wenn man sein Kind verliert und wie Zugehörige unterstützen können. Außerdem könnt ihr  lesen, wann eine Psychotherapie nach einem Verlusterlebnis sein kann.

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Sternenlicht: Befragung zum Umgang mit frühem Kindsverlust

Liebe Sterneneltern,

viele Menschen können nur erahnen wie schwer es für Sie sein muss, den Verlust Ihres Kindes / Ihrer Kinder zu bewältigen. Umso mehr danke ich Ihnen schon jetzt für Ihre Bereitschaft sich diesem Fragebogen zu widmen.

Bisher haben Therapeut*innen und medizinische Fachleute nur wenige Anhaltspunkte, wie wir Sie am besten in Ihrer Trauer um Ihr Kind / Ihre Kinder unterstützen können. Zu dem Thema Kindsverlust vor, während und kurz nach der Geburt und Bedürfnissen von Sterneneltern ist die aktuelle Studienlage gering.

Durch Ihre freiwillige Teilnahme erhalten therapeutische Kolleg*innen Einblicke und Hinweise zur bestmöglichen Hilfestellung der Sterneneltern. Das hat wiederum Einfluss auf die therapeutische Unter­stützung zukünftiger Sterneneltern.

Link zur Umfrage: sternenlicht

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