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Teil 1

Früher Abschied: Der Verlust eines Kindes

Janina Rogoll Fehlgeburt Totgeburt Der Verlust eines Kindes The Parents Next Door Mamablog

Janina Rogoll, Autorin
Psychologische Psychotherapeutin

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Das Praxistelefon klingelt. Eine junge Frau ist dran und schildert kurz ihre Situation. Ihr Kind sei verstorben und sie wisse nicht, ob und wie sie weiterleben könne. Sie sei über ein Selbsthilfeforum auf mich aufmerksam geworden und benötige professionelle Hilfe.

Bildrechte Adobe Stock / © kishivan

Sternenkinder

Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind, werden als Sternenkinder bezeichnet. Wie brisant das Thema Kindsverlust ist, merkt man, wenn man sich die Zahlen anguckt. Laut dem statistischen Bundesamt werden in Deutschland jährlich um die 3000 Kinder tot geboren, weltweit sind es schätzungsweise ca. 3 Millionen. Um ein Gefühl für diese unglaublich hohe Zahl zu bekommen: Berlin hat ca. 4 Millionen Einwohner.

Frühschwangerschaft

Andere Todesarten werden nochmal gesondert erfasst. Beispielsweise starben 2017 in Deutschland 2566 Kleinkinder in ihrem ersten Lebensjahr. Zu den Verlusten während der Schwangerschaft gibt es gar keine genauen Zahlen, weil sie schwer zu erheben sind. Das liegt daran, dass einige Frauen in der Frühschwangerschaft nicht bemerken, dass sie schwanger sind und den Frühabort als normale Blutung deuten. Außerdem gibt es (noch) keine einheitliche Dokumentationsrichtlinie zur Erfassung von Fehlgeburten, was die tatsächlichen Zahlen nur erahnen lässt. Sie werden in verschiedenen Studien auf etwa 20-80% der Schwangerschaften geschätzt.

Wir bekommen also einen Eindruck davon, dass viele Frauen, Paare und Familien davon betroffen sind. Die junge Frau am Telefon lässt das Wort „Fehlgeburt fallen.

Abort

Als „Abort“ oder auch „Fehlgeburt“ wird ein früher Verlust des Kindes bezeichnet. Es wird zwischen Frühabort (bis zur 12. Schwangerschaftswoche) und Spätabort (12.-24. Schwangerschaftswoche) unterschieden. Wiegt ein Kind weniger als 500 Gramm wird es ebenso bezeichnet. Wie schon erwähnt sind Statistiken über eine reale Zahl an Fehlgeburten nicht zu finden, weil es neben den genannten Gründen, auch eine hohe Dunkelziffer gibt. Manche Frauen stellen sich beispielsweise aus Scham, religiösen Gründen, unzureichender medizinischer Grundversorgung oder Zweifel an dem eigenen Kinderwunsch ärztlich nicht vor. Wichtig zu wissen ist, dass es unzählige Gründe für eine Fehlgeburt geben kann. In der Literatur werden Risikofaktoren wie zum Beispiel Stress, das Alter der Frau, die Spermienqualität, Fehlgeburten in der Vorgeschichte, Alkohol, erblich bedingte Faktoren, hormonelle Einflüsse, Blutgruppenunverträglichkeiten oder Mangelernährung genannt. Viele Faktoren sind nur geringfügig beeinflussbar.

Plötzlicher Kindstod

Wenn ohne Vorahnung ein zunächst gesundes Baby/Kleinkind innerhalb seines ersten Lebensjahres an unerkennbaren Ursachen verstirb, wird das als „Plötzliche Kindstod“, „Säuglingstod“ oder „Sudden Infant Death Syndrome (SIDS)“ bezeichnet. So verstarben 2016 laut statistischem Bundesamt 137 Kleinkinder am plötzlichen Kindstod, ohne vorherige Anzeichen. Die Zahl der Todesfälle hat sich jedoch in den letzten Jahren deutlich reduziert. Das ist einer vermehrten Aufklärung der Eltern zu möglichen Risikofaktoren zu verdanken. Bekannt ist, dass ein rauchfreier Haushalt, das Legen des Kindes zum Schlafen auf den Rücken und nicht zu warme oder zu kalte Kleidung das Risiko eines Säuglingstodes minimieren können. Das bedeutet jedoch nicht, dass unter Beachtung dieser Empfehlungen der Kindstod auszuschließen wäre. Experten vermuten, neben den genannten Risikofaktoren, zusätzliche Zusammenhänge zwischen einer schweren Erweckbarkeit und einer Unreife des Atemantriebs.

Unterstützung

Die junge Frau am Telefon hat sich nach ihrem Verlusterleben für psychotherapeutische Hilfe entschieden und bekommt einen Termin für ein Erstgespräch bei mir. Zusammen werden wir klären, ob und wieviel Unterstützung sie benötigt.

Im nächsten Beitrag werden von mir fiktive Fälle vorgestellt, die denen aus meiner psychotherapeutischen Arbeit ähneln. Außerdem werdet ihr erfahren, warum Trauer eine wichtige Funktion hat und was es mit dem „ersten Trauerjahr“ auf sich hat.

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Ein Kommentar

  1. Martina Wischnewski November 1, 2020 um 07:24 Uhr - Antworten

    In meiner Kindheit habe ich in dem Mietshaus in dem wir wohnten den Fall eines plötzlichen Kindtods bei den Nachbarn miterlebt. Die Verzweiflung der Kindsmutter, ihre Schreie durch das Treppenhaus, die Polizei im Haus, das Getuschel der Nachbarn und sogar laute Vorwürfe der Mutter gegenüber, die ja bestimmt nicht genug auf ihr Kind aufgepasst hätte….
    das alles hat mir große Angst gemacht. Ich war damals 11 Jahre alt. Wir waren viele Kinder in dem 6-Familienhaus und niemand hat uns irgendetwas erklärt. Es wurde alles totgeschwiegen. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich nachts immer Angst hatte, meine Geschwister könnten auch so sterben. Ständig bin ich aufgewacht, habe mich an ihr Bett geschlichen und geschaut, ob sie noch atmen. Das war nur mein eigenes Problem. Heute mag ich mir gar nicht vorstellen, wie es der Mutter des toten Babys gegangen sein muss. Damals gab es keine Möglichkeit einer psychologischen Betreuung. Weder für die Eltern, noch für die drei Geschwister. Deshalb bin ich für alle Betroffenen sehr froh, dass es heute professionelle Hilfsangebote gibt. Danke an alle Psychotherapeuten, die sich diesem schwierigen Thema widmen und Sternenkinder-Familien helfen, mit ihrem Verlust fertig zu werden. Und danke an Frau Rogoll, dass sie mit ihrer engagierten Arbeit, ihren Interviews und Artikeln dazu beiträgt, auch die breite Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren.

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