Gelassen durch die Pubertät – geht das überhaupt?

Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich das Wort Pubertät überhaupt nicht mag. Irgendwie finde ich, ist es zu einer Art Schimpfwort oder schon fast zu einer Stigmatisierung geworden. Oder es wird dafür genutzt, alles was passiert oder gerade ist, darauf abzuwälzen oder damit zu erklären.

Tja, aber wie nennen wir denn nun diese emotional schwankenden, explosiven, unberechenbaren, sich wandelnden Wesen, mit denen Eltern plötzlich ein Zuhause teilen?

In meiner Welt der Psychotherapie spricht man auch gerne von Adoleszenz. Was ist das denn für ein sperriges Wort? Vermittelt auch nicht gerade positive Assoziationen, oder?

Erwachsen werden

Dabei ist die Zeit des Heran-wachsens, des Er-wachsen-werdens eine Zeit angefüllt mit vielfältigen Erfahrungen, voller Emotionalität und Intensität. Mit Krisen und Höhenflügen, mit Dramen und Abenteuern. In diesen Jahren bilden sich ganz wichtige Teile der Persönlichkeit noch stärker aus. Junge Menschen lernen sich selbst erst richtig kennen. Stellen sich selbst 1000 Fragen und verzweifeln an den Antworten. Sie möchten anders sein als andere und gleichzeitig doch lieber mit dem Strom schwimmen. Da sind innere Konflikte vorprogrammiert. Aber sie wachsen daran!

Hin und her, Hochs und Tiefs. Ein Wechselbad der Gefühle und Achterbahnfahrt der Gedanken. Von außen betrachtet, könnte der Eindruck entstehen, diese jungen Menschen seien nahe am verrückt sein. Und im Prinzip ist das auch so.

Wenn sich alles verändert

Die Zeit zwischen 11 und 20 Jahren ist sowohl von starken körperlichen, aber auch von seelischen Veränderungen geprägt. Viele Reifungsprozesse finden statt und bedingen sich gegenseitig. Manchmal spielen die Hormone verrückt und die Seele kommt nicht nach. Und ein anderes Mal, reift die Seele und der Körper fühlt sich nicht mehr passend an. Die andauernde Konfrontation mit sich selbst und den eigenen Themen ist sehr anstrengend. Oft sogar erschöpfend und Kräfte zehrend.

Körper und Seele spielen verrückt. Vieles gerät aus den Fugen. Man erkennt sich selbst nicht wieder. Ist darüber kreuzunglücklich und möchte sich am liebsten schnell ins Bett verkriechen. Um dann kurz darauf im Alleingang die Welt vor der Klimakrise zu retten. Das ist ja auch echt Wahnsinn!

Eine intensive Zeit

Und doch, ist es auch großartig! Ich persönlich finde diese Jahre junger Menschen absolut faszinierend. Wie viel Gefühl, wie viel Leben sich darin zeigt. Das Leben ist so intensiv, in beide Richtungen.

Die Extreme in ein einigermaßen ausgeglichenes Miteinander zu bringen, ist eine echte Mammutaufgabe. Eine Ausgewogenheit herzustellen gelingt einigen Menschen kaum bis gar nicht.

Vielleicht ist es gut, wenn wir uns als Erwachsene immer mal wieder an diese Zeit unserer Pubertät oder Adoleszenz erinnern und uns bewusst machen, dass auch wir uns in einem stetigen Entwicklungsprozess befinden. Besonders wenn wir eigene Kinder im Adoleszenzalter haben, kann es helfen unser Kind in seiner Lebensphase besser zu verstehen, wieder mehr Zugang zu ihm zu bekommen. Und das wollen wir doch als Eltern alle: Verbindung mit unserem Kind. Vertrautheit. Vertrauen. Nähe.

Hier geht es zu weiteren Magazinbeiträgen unserer kleiner Serie Gelassen durch die Pubertät 

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Stefanie Guth

Stefanie Guth ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Mit ihrer Online-Praxis für Psychotherapie erfülle sie sich einen großen Wunsch.

„Ich möchte auf diesem Wege noch mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dabei unterstützen zu autonomen, selbstbewussten Menschen heranzureifen. Um sich gut zu entwickeln brauchen Kinder liebevolle, fürsorgliche Eltern und ein einfühlsames Umfeld, was die Bedürfnisse aller im Blick behält.“

Das Beitragsbild wurde zur Verfügung gestellt von

Petra Rühle