Gelassen durch die Pubertät – Vertrauen und Flexibilität entwickeln

Vertrauen.

Vertrauen hat viel mit Zu-trauen zu tun und das ist ja für uns Eltern oft eine rechte Herausforderung. Kann meine Tochter schon alleine abends mit dem Taxi nach Hause fahren? Darf mein Sohn zu einer Live-Rollenspiel-Session? Welche Fotos lädt mein Kind im Internet hoch? Mit wem geht es nachts in die Disco?

So viele Fragen, die stets in jeder Situation neu beantwortet werden müssen. Denn was gestern noch hip war, kann heute schon out sein. Das verlangt Eltern eine ungeheurere Flexibilität ab. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man dem nur mit Empathie und Anteilnahme begegnen kann. Über die eigenen Gefühle zu sprechen, die elterlichen Unsicherheiten zu benennen, das bringt echte Kommunikation auf Augenhöhe. Auch wenn dann das Kind nicht das tut, was die Eltern sagen, trotzdem gab es einen Austausch darüber. Und wenn das Kind sich entscheidet, einen anderen Weg zu wählen, als den empfohlenen, dann dürfen wir Vertrauen haben, dass es an all den Erfahrungen, die es machen wird -egal ob gut und schlecht- wachsen wird. Wir dürfen uns zurücklehnen und einfach da sein. Wir dürfen die Freude über etwas Gelungenes mit ihnen teilen. Aber auch die Arme öffnen für tröstende Worte, wenn der eigene Plan gescheitert ist. Wir dürfen einfach da sein.

Und wenn es so sein sollte, dass unser Kind, sich lieber zurückzieht, die Kommunikation nicht möchte, dann dürfen wir auch dann im Vertrauen bleiben, dass unser Kind genau weiß, was JETZT das Richtige ist. Dass unser Kind intuitiv spürt, was es braucht.

In habe in den letzten Jahren viele Familien mit heranwachsenden Kindern -teils über Jahre- begleitet, und es ist großartig zu erleben, wieviel Eltern von ihren mutigen Kindern lernen können, wenn sie sich dafür öffnen. Dass Kinder von ihren Eltern lernen, muss ich ja nicht extra erwähnen ;0)

Also, welche Zutaten braucht nun eine gelassene Pubertät?

Ich würde sagen, eine gute Portion Empathie, eine Stange Selbstfürsorge und ein Tröpfchen Intuition, verrührt im Topf voller Vertrauen. Manches Mal mit einer Prise Humor und einem Schuss Ausdauer.

Das wichtigste ist doch, dass wir in Kontakt bleiben, im Austausch miteinander. D.h. nicht, dass wir unser Kind ständig fragen, wie es geht, was es hat, wo es war oder hingeht. Mit Austausch meine ich, echte Kommunikation:

Ich gebe Auskunft über mich und meine Gefühlslage. Ich zeige mich als Mutter, Vater, Mensch. Ich mache mich verletzbar und damit aber auch einfühlsam. Ich bin ein authentisches Elternteil. DAS spüren unsere Kinder. Genau das brauchen sie auch in diesen ver-rückten Jahren des Heran-wachsens. Sie brauchen authentische Menschen, echte Gegenüber. Keine perfekten Eltern. Sie brauchen unser Vertrauen in sie, weil sie in dieser Zeit, in sich selbst so verunsichert sind, dass sie unseren Halt (von außen) brauchen. Nochmal ein bisschen so, als ob wir ein Baby im Arm halten, weil es noch nicht sitzen kann. Aber wir wissen bei einem Baby ja, dass es das lernen wird, wenn es soweit ist. Wenn diese Entwicklungsphase dran ist, wenn der Körper und die Seele reif fürs Sitzen sind. Bis dahin stellen wir uns zur Verfügung. Tragen unser Baby, stützen und begleiten es.

Als Eltern Halt geben

Wenn es uns gelingt in dieser Haltung auch unsere Heranwachsenden zu begleiten, wäre vielen jungen Menschen sehr geholfen. Es geht um das Da-Sein. Darum, dass wir als Eltern ein Anker sind, ein Hafen. Aber die Schiffe entscheiden selbst, wann sie anlegen. Die Schiffe entscheiden, wie lange sie ankern und auch in welche Gewässer sie schiffen.

Wir können als Eltern die Landkarte sein. Wir können unser Wissen und unsere Erfahrungen auf dem Meer des Lebens zur Verfügung stellen. Doch junge Heranwachsende sind dabei,  Kapitän auf dem eigenen Schiff zu werden. Daher wird es notwendig sein, dass sie mal von der Route abkommen oder sogar in Seenot geraten.

Ich spreche mit Eltern von Heranwachsenden immer darüber, dass es besonders in diesen Jahren, um Eigenständigkeit und Eigenverantwortung geht. Im Idealfall hat das bereits in früheren Jahren schon begonnen. Aber selbst wenn nicht, dann ist es immer noch rechtzeitig damit zu beginnen. Wir können täglich eine Entscheidung treffen und uns dann Schritt für Schritt entwickeln – auch als Eltern! Aus meiner Sicht, ist das ein sehr wichtiges Geschenk, was wir unseren Kindern damit machen. Wir zeigen ihnen, dass wir auch nicht alles wissen und können. Wir zeigen, dass auch wir immer dazu lernen und uns weiterentwickeln.

Vielleicht könnten diese Haltung und dieses Vorleben schon Gemeinsamkeiten mit unserem Kind herstellen? Diese können wiederum eine Verbindung herstellen, die ja manchmal in dieser Phase von Eltern so schmerzlich vermisst wird. Vielleicht kommen wir unserem heranwachsenden Kind in dieser Zeit darüber emotional näher und können dann die „äußere Kontrolle“ ein wenig aufgeben? Ich weiß, dass es kein leichter Weg sein kann, aber ich weiß, dass es sich für die Beziehung zum eigenen Kind, absolut auszahlen wird.

Ich wünsche allen Eltern eine spannende, ereignisreiche Zeit des gemeinsamen Wachsens!

Hier geht es zu weiteren Magazinbeiträgen unserer Reihe Gelassen durch die Pubertät 

Autorin

Stefanie Guth

Stefanie Guth ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Mit ihrer Online-Praxis für Psychotherapie erfülle sie sich einen großen Wunsch. „Ich möchte auf diesem Wege noch mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dabei unterstützen zu autonomen, selbstbewussten Menschen heran zu reifen. Um sich gut zu entwickeln brauchen Kinder liebevolle, fürsorgliche Eltern und ein einfühlsames Umfeld, was die Bedürfnisse aller im Blick behält.“

Das Beitragsbild wurde zur Verfügung gestellt von

Petra Rühle