Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!

Es ist erst ein paar Tage her, dass ich mit meiner 3 1/2 jährigen Tochter die Straße entlang ging und einen Nachbarn traf. Erwartungsvoll sah er sie an und fragte: „Und Du? Freust Du Dich darauf, wenn Du wieder in den Kindergarten gehen kannst?“

Meine Tochter antwortete: „Nein.“ Da musste er lachen und wendete sich an mich: „Aber DU kannst es wahrscheinlich nicht erwarten?“

Es ist Mai 2020, seit exakt 8 Wochen ist Deutschland im Lockdown. In den ersten Tagen verfolge ich quasi stündlich die Nachrichten. Beim Anblick der Leichentransporte in Italien und der Massengräber in New York laufen mir Tränen über das Gesicht. Ich erkläre meiner Tochter, dass es eine Krankheit gibt, die sehr ansteckend ist und wir deshalb vorerst Abstand halten, niemanden mehr treffen und auch nicht mehr in den Kindergarten gehen können. Das ist das letzte Mal, dass wir über den Kindergarten sprechen; 8 Wochen lang fragt meine Tochter nicht ein einziges Mal danach. Seit 8 Wochen treffen wir keine FreundINNEN mehr. Seit 8 Wochen hat meine Tochter mit keinem anderen Kind gespielt. Seit 8 Wochen besteht unser Mikrokosmos ausschließlich aus uns Vieren: dem Mann, der Großen, der Kleinen und mir. Seit 8 Wochen bewegen wir uns im Wesentlichen nur innerhalb unserer 85qm Wohnung und drei Straßenzügen.

Seit 8 Wochen freue ich mich. Seit 8 Wochen … wie bitte?

Ja. Ich freue mich. Und manchmal frage ich mich, darf ich das in Zeiten von Corona überhaupt? „Dass wir wieder werden wie Kinder, ist eine unerfüllbare Forderung. Aber wir können zu verhüten versuchen, dass die Kinder so werden wie wir.“ (Erich Kästner)

Wenn ich überlege, wie alles anfing, dann war es der Brief an die Oma. Die Oma wohnt seit ein paar Monaten im Seniorenheim und wir besuchen sie jede Woche. Sie ist dement und schwerhörig und strahlt jedes Mal über das ganze Gesicht, wenn sie uns sieht. Als der Lockdown beginnt sitzen wir sonntags am Frühstückstisch, holen Briefpapier und -umschläge und schreiben der Oma einen Brief. Ich frage die Große, was sie der Oma schreiben möchte und sie sagt: „Liebe Oma, ich möchte mit dir einen Purzelbaum machen!“ Und genau so beginnt dann auch der erste Brief. Fortan schreiben wir jeden Sonntag und immer kommt etwas dazu: ein selbstgemaltes Bild, ein Foto, ein paar Süßigkeiten, ein Fensterbild… Die Große liebt das wöchentliche Schreiben. Wenn die Oma den Purzelbaum kann, soll sie ihr bitte einen Salto beibringen. Außerdem braucht sie ein Kuscheltier, damit sie nachts gut schlafen kann. Also schreiben wir auch das in einen Brief.

Die Briefe schicken wir nicht per Post, stattdessen nutzen wir den ruhigen Sonntag Vormittag und das warme Frühlingswetter und sausen auf dem Fahrrad einmal quer durch die Stadt. An jedem Hügel heißt es „Mama – Vollgas!!!!!“ und bei jeder Pfütze auch. Da brettern wir so schnell es geht durch, reißen die Füße in die Luft und schauen, wie hoch das Wasser spritzt. Wir sehen zwar nicht ein einziges Mal die Oma am Fenster vom Seniorenheim, aber irgendeine/n BewohnerIN guckt jedes Mal hinaus. Dann halten wir an und winken und freuen uns über das Lächeln auf den Gesichtern. Ein paar Wochen später können wir tatsächlich einen Videoanruf mit der Oma im Seniorenheim machen. Sie versteht kein Wort von dem, was wir sagen. Trotzdem strahlt sie über das ganze Gesicht, am Fenster hängt das Fensterbild und kichernd erzählt sie, dass sie Purzelbaum übt.

Gemeinsam mit der Großen schnipsel und kleistere ich an einem Vormittag und wir basteln einen großen, bunten Regenbogen („Der ist wirklich wunderschön geworden, Mama!“). Den befestigen wir an der Haustüre, damit alle Kinder im Veedel wissen, dass auch hier ein Kind wohnt, dass zuhause bleiben muss. Und wir stellen fest: der Regenbogen zaubert nicht nur Kindern ein Lächeln ins Gesicht – sondern auch uns. Und selbst die Nachbarn scheinen sich daran zu erfreuen. Zwischendurch geht er mal auf Reisen, doch nach einem Suchaufruf im Veedel taucht er wieder auf. Fortan hängt er wieder an seinem Platz und wir lächeln beim Anblick jedes einzelnen Regenbogens, den wir an Fenstern, Haustüren und Balkonen im Veedel entdecken.

An Ostern färben wir Eier, backen Osterplätzchen und singen dabei unzählige Male „Stups der kleine Osterhase“. Für die Große ist völlig klar, dass der Osterhase dieses Jahr Abstand halten muss und nicht überall zu Besuch kommen kann. Also sucht sie die schönsten Plätzchen aus, wir verpacken sie in Tüten und verteilen kleine Osternester an die Menschen, die Ostern keinen Besuch bekommen werden. Das sind zum einen die Covid19- Infizierten in Quarantäne, die wir kennen, aber auch ältere Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Der Großen macht es riesigen Spaß einmal Osterhase zu sein. Und da ist sie wieder – die Freude und das Lächeln in den Gesichtern der Menschen um uns herum.

Als wir eines nachmittags nach Hause kommen, treffen wir den besten Freund der Großen mit seiner Mutter vor unserem Haus. Sie sind bewaffnet mit einem Sack Malkreide, denn er möchte ihr ein Bild malen. Direkt unter ihr Fenster malt der 3jährige also ein Bild von zwei bunten Monstern auf den Asphalt und die Augen der Großen strahlen! Immer wieder vorm Schlafengehen möchte sie das Bild sehen und jedes Mal, wenn wir das Haus verlassen, zeigt sie darauf und erzählt, dass ER das für SIE gemalt hat. Das ist ihr Monster und das ist seins. Sie möchte ihm natürlich auch ein Bild malen, also verschönern auch wir den Asphalt unter dem Fenster der Familie. In den nächsten Wochen scheinen Asphaltbilder aus dem Boden zu schießen. Jeden einzelnen Gruß muss ich der Großen immer wieder vorlesen. Es sind liebevolle Bilder von Großeltern für ihr Enkelkind zum Geburtstag und immer wieder Kinder die anderen Kindern schreiben, dass sie an sie denken und sie vermissen. Wir lesen sie alle, freuen uns mit den Gegrüßten – und lächeln.

Wir besuchen immer wieder unsere Kirche, wo auf einem großen bunten Teppich Platz für „Post an Gott“ ist. Unzählige Kinder haben ihre Briefe und Bilder darauf niedergelegt und die Große möchte jeden einzelnen vorgelesen bekommen. Gemeinsam mit so vielen uns unbekannten NachbarINNEN stehen wir an einem lauen Frühlingsabend auf den Balkonen und klatschen für die HelferINNEN in der Corona-Krise. Wir schmettern zusammen „In unsrem Veedel“ und performen aus voller Seele eine denkwürde Hinterhof-Inszenierung von „Freude schöner Götterfunken“. Unsererseits besteht sie aus allem, was das Kinderzimmer hergibt: Blockflöte (ich), Glockenspiel (der Mann), alle Tasten am Keybord gleichzeitig (die Große) und Greifling- Rassel (die Kleine). Wir lachen.

Eines nachmittags beschließen wir in den nahegelegenen Wald zu fahren. Wir hören den Specht hämmern, schauen den Käfern beim Krabbeln zu, klettern auf umgestürzte Baumstämme, erkunden Höhlen aus aufgeschichteten Ästen und sammeln Steine. Zuhause kann es die Große gar nicht erwarten, die Steine bunt anzumalen und sie in den Grünflächen unseres Veedels zu verstecken. Dann laden wir ihre Kindergarten-FreundINNEN dazu ein, auf Schatzsuche zu gehen. Jedes Mal, wenn wir ein Foto von einem/einer ihrer FreundINNEN mit einem Stein geschickt bekommen, strahlt die Große über das ganze Gesicht.

Seit 8 Wochen ist Deutschland im Lockdown und natürlich kenne auch ich die Tücken des Corona-Alltags. Die Motz-und-Trotzanfälle, weil keine Hose im Schrank die Richtige ist. Der verzweifelte Versuch, den Rücken für’s Homeoffice freizuhalten. Der Kühlschrank ist leer, die Wäschetruhe ist voll, die Windel sowieso, am Herd brennt was an, die Toilette ist verstopft, ein Kind schreit, manchmal auch zwei, manchmal auch ich und manchmal alles gleichzeitig. An den Abenden bin ich total erschöpft von der pausenlosen Präsenz und nie enden wollenden Arbeit. Trotzdem bin ich glücklich und ich freue mich. Denn die Distanz der Corona-Krise scheint in unserem Umfeld zu Nähe zu führen. Wenn zum Jahresende die Jahresrückblicke in allen erdenklichen Formaten präsentiert werden, dann sehe ich sie schon vor mir: die Ängste, die Toilettenpapierkrisen, die Abstandsmarkierungen, die Masken auf den Straßen. Das alles werden wir nie vergessen. Und trotzdem ist es für mich nicht das zentrale Element. Es ist nicht das, was ich in Erinnerung behalten möchte.

Wenn es stimmt, was einige PolitikerINNEN proklamieren, dann wird unsere Welt nach Corona nicht mehr die Selbe sein. Aber was bedeutet das genau? Wie wird unsere Welt aussehen? Ich bin davon überzeugt, dass das wie so Vieles ganz alleine in der Hand jedes/jeder Einzelnen liegt.

Und so stehen meine 3 1/2jährige Tochter und ich also vor ein paar Tagen mit unserem Nachbarn auf der Straße. Er schaut mich immer noch erwartungsvoll an und fragt erneut: „Du kannst es doch sicher nicht erwarten, dass der Kindergarten wieder aufmacht, oder?“ Ich antworte: „Nein.“ Und lächle.

„Ich mache mir die Welt widde-widde-wie sie mir gefällt!“ (Pippi Langstrumpf)

Autorin

Corona Altersheim

Samira ist Yogalehrerin und Feministin.

Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Köln.

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