„Schatz, ich glaube wir sind
falsch gefahren..!“

Über den Mut, mit Ende 30 der eingeschlagenen Karriere einen U-Turn zu verpassen.

„Schatz, ich glaube
wir sind falsch gefahren..!“

Über den Mut, mit Ende 30 der eingeschlagenen Karriere einen U-Turn zu verpassen.

Mit Ende 30 darüber zu philosophieren, ob der eingeschlagene Karriereweg richtig oder falsch ist und den Wunsch zu äußern, einen beruflichen „U-Turn“ vorzunehmen, wird in der Leistungsgesellschaft als Verrat an der vorgeschriebenen Laufrichtung wahrgenommen. Nicht selten reagiert das Umfeld mit Skepsis in Form von uns bekannten Aussagen: 

Die Biografie gänzlich umzuschreiben wird von vielen heute immer noch als „MUTIG“ wahrgenommen. Die Indoktrination der Lebenslauf-Diktatur (Wer A sagt, muss folglich und ohne Zweifel auch B sagen), ist tief in das Gedankengut der nach Erfolg Strebenden eingebrannt.

Bachelor, Master, Auslandserfahrung, Promotion und mit 24 musst du CEO eines fancy Life-Style Brands sein, das klingt, als hätte es der Hund von Paris Hilton beim Gassi gehen gemacht. Die neue Religion des Arbeiternehmertums.

Mit Ende 30 darüber zu philosophieren, ob der eingeschlagene Karriereweg richtig oder falsch ist und den Wunsch zu äußern, einen beruflichen „U-Turn“ vorzunehmen, wird in der Leistungsgesellschaft als Verrat an der vorgeschriebenen Laufrichtung wahrgenommen. Nicht selten reagiert das Umfeld mit Skepsis in Form von uns bekannten Aussagen: 

Die Biografie gänzlich umzuschreiben wird von vielen heute immer noch als „MUTIG“ wahrgenommen. Die Indoktrination der Lebenslauf-Diktatur (Wer A sagt, muss folglich und ohne Zweifel auch B sagen), ist tief in das Gedankengut der nach Erfolg Strebenden eingebrannt.

Bachelor, Master, Auslandserfahrung, Promotion und mit 24 musst du CEO eines fancy Life-Style Brands sein, das klingt, als hätte es der Hund von Paris Hilton beim Gassi gehen gemacht. Die neue Religion des Arbeiternehmertums.

Das Streben nach Gradlinigkeit und Erfolg ist heute stärker vertreten als bei früheren Generationen. Anders als bei der industriellen Revolution und der Einführung der Fließbandarbeit ist jedoch, dass die heutige Produktionsleistung durch die Massen in den sozialen Medien bewertet wird. Zweifelsohne ein wesentlicher Grund dafür, dass die meisten sich nicht trauen, eine bestehende Karriere neu zu bewerten.

Was zuvor Fabrikvorsteher:innen mit dem Klemmbrett protokolliert haben, wird heute durch den digitalen Meinungsfleischwolf gedreht. Wo einst ein Häkchen oder Kreuz als Qualitätsmerkmal hinter dem Endprodukt stand, wird fleißig und ganz ohne Scham Artikel 5 des GG ausgereizt. 

Wer den:die Lukas hauen kann, ist dabei und verlässt die Routinen des Büro-Alltags gern, um im digitalen Raum mit dem User-Mob die Fackel zu schwingen. Insbesondere bei Lebensentscheidungen, die nicht analog zum Verhalten des guten deutschen Arbeitnehmers laufen, wird fehlende Konsequenz mit der Eloquenz des bekannten „Wutbürgertums“ verurteilt und allzu oft aufs Schwerste getadelt.

Vom Dorflümmel zum Pop Star – ist der Weg wirklich das Ziel oder sind Wege da, um sie zu ignorieren?

Obdachlos als Teenager. Dennoch 1,0 Abiturient. Viermal Krebs überlebt – dennoch Stipendiat an der Kunsthochschule. Vom Bremsscheiben-Verpacker zum renommierten Künstler …

Zugegeben, wer meine Biografie das erste Mal hört, denkt sich entweder, dass ich ein absoluter Spinner bin oder runzelt ungläubig mit der Stirn, weil die Dichte an Ereignissen und Schicksalsschlägen nicht nachzuvollziehen ist. Die bittersüße Wahrheit eines tragischen Antihelden. Genauer betrachtet, findet sich die Antwort auf vergangene und gegenwärtige berufliche Entscheidungen ein Stück in meinen Jugendtagen.

Wenn du als Kind auf dem Land groß wirst, hast du zwei Möglichkeiten: Du bleibst geistig wie physisch in deiner Heimat gefangen und beginnst mit der Umgebung zu verschmelzen, oder wehrst dich mit allen Kräften gegen die Resignation des Seins. Folglich führt dich die Rebellion direkt in das gelebte Chaos.

Wie sich die Lesenden sicherlich denken können, habe ich mich – mehr oder minder freiwillig – früh dazu entschieden, den „Safe Space“ Dorf zu verlassen, um die Welt mein zu Hause zu nennen. Im Gepäck ein gut sortiertes Archiv an Entwicklungsstörungen und sexuelle Orientierungslosigkeit.

Dieses Fundament für einen sehr wackligen seelischen Rohbau hat mich von einem zum anderen Misserfolg geführt. Anstelle ECTs zu sammeln, mich auf Hausarbeiten zu konzentrieren und der „Regel“ in Regelstudiengang zu folgen, war ich mehr darauf bedacht, meinen Arsch von der Straße fernzuhalten und für mein Einkommen zu sorgen. Was nicht bedeutet, dass ich mein Studium nicht verfolgt habe. Aber vielleicht nicht unbedingt mit der erwarteten Präsenz.

Die wechselnden Jobs, Herausforderungen und Anpassungen haben mir ein Bewusstsein für das Scheitern und vor allem den Mut des konsequenten Versuches beschert.

Ist ein Ende am Horizont …? Learning by Doing

Auf der Suche nach meiner Bestimmung habe ich eine Vielzahl beruflicher Identitäten angenommen. Ich war: Bremsscheibeneinpacker, Altenpfleger, Friseur, Theaterfotograf, Social Media Manager, Optiker, Praxismanager, Designer, Art Director, Schneider, Make-up Artist, Kleidungsverkäufer, Unternehmer und nach aktuellem Stand: Creative Director.

Meiner Meinung nach ein ganz guter Sammelbegriff für jemanden, der seine kreativen Erfahrungen und Sprunghaftigkeit zu einem souveränen Talent erhoben hat.

Durch die Masse unterschiedlicher Berufe und mein jugendlicher Leichtsinn zu glauben, ich könnte alle beherrschen, hat mir den Vorteil einer neutralen Betrachtung gegenüber weiteren Karriereschritten gegeben. Auch wenn der Mut, neue Entscheidungen zu treffen, immer wieder durch die Meinung anderer und falsche Berater:innen auf die Probe gestellt wurde, habe ich mich nicht davon abhalten lassen, neue Herausforderungen anzunehmen.

Ein klarer Vorteil ist die wachsende Empathie und Betrachtung auf den ausgeübten (Branchennahen oder -fernen) Beruf.

Ein Nachteil ist u. a.: das fehlende Konsequenz in eine Orientierungslosigkeit übergehen kann. Ich wusste nicht, wohin ich auf dieser Reise will, und bin meiner Intuition gefolgt. Hat es mir jedoch einen generellen Nachteil beschert? Nein! Der einzigen Hürde, der ich mich wirklich stellen musste, war die Wahrnehmung meines Umfeldes und der Stigmatisierung.

Schafft man sich jedoch von der gesellschaftlichen Verurteilung zu lösen, was zugegebenermaßen alles andere als leicht ist, da die Lemminge nur den einen Weg gemeinsam Richtung klippe kennen, erweitern Sie ihren Horizont auf diverse Weise.

Ob unentschlossen oder entschlossen, bei der Wahl der Berufung führt das Experimentieren und ab und an mutige Einschlagen eines neuen Weges letzten Endes zu einer nützlichen Erfahrung. Ob positiv oder negativ konnotiert spielt keine Rolle.

Ariel Oscar Greith The Parents Next Door Blogazine Gesellschaft Familie Kultur Eltern Mensch

Sie machen etwas und bleiben schlussendlich nicht einfach auf der Autobahn stehen.

„Nach der nächsten Ausfahrt rechts halten!“– über kreatives Erwachsenwerden und die Entscheidung, sich immer wieder neu entscheiden zu dürfen:

Eine stringente Beeinflussung und Verfolgung des Lebens- und Karrierewegs kann die Option auf interessante Entwicklungsmöglichkeiten verwehren. Ungeachtet der Tatsache, dass mein Werdegang durch starke persönliche Einschnitte beeinflusst wurde und damit meine sprunghafte Wahl beruflicher Professionen nicht immer eine bewusst getroffene Entscheidung gewesen ist, behaupte ich, dass mich ein gradliniger Weg nicht zu der Karriere geführt hätte, die ich heute habe.

Ich kritisiere die gesellschaftliche Angst, sich aufkommenden Konflikten und Herausforderungen im Karriereweg nicht mehr stellen zu wollen. Was absolut widersprüchlich ist. Denn die Menschen meistern heute souverän weitaus komplexere Probleme in ihrem Arbeitsalltag. Wenn es jedoch um das Umprogrammieren stabiler Lebensverläufe geht, ist Nervosität und Argwohn eine erste Reaktion.

Sicherlich gibt es Beispiele, in denen ein Karriereaus- und Umstieg nicht so einfach funktioniert, da Sie an verschiedene Parameter wie Unterhalt der Familie oder einem Numerus clausus gebunden sind. Sollten aber die Gewöhnung an das liebe Geld und den Status oder Bequemlichkeit die Gründe sein, empfehle ich Dir kurz innezuhalten und darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn Du die nächste Ausfahrt ungeplant nimmst.

Kitzelt es Dich und fühlt sich aufregend an? Dann wird es wohl Zeit für einen U-Turn!

Autor

Ariel Oscar Greith Diplom Fotograf & Künstler, Kommunikationsdesigner, Illustrator und Texter. Nach meinem Studium in Leipzig und als Stipendiat in Dublin arbeitete ich für namenhafte Agenturen und Magazine. Ich verhalf Beautybrands bei der visuellen Positionierung ihrer Brand Identity und entwickelte neue innovative & nachhaltige Produkte.

Tolle Menschen