Verschiedene Realitäten –
mein Patenkind und ich.

Wie ich mein kambodschanisches Patenkind kennenlernte.

Ich habe meiner Mutter zum 60. Geburtstag eine gemeinsame Patenschaft für ein kambodschanisches Patenkind geschenkt. Ich dachte mir, in so einem fortgeschrittenen Alter hat man ja eh alles, was man braucht. Gemeinsam einem Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen und über die Jahre zu verfolgen, wie es sich entwickelt, ist einfach rundum eine großartige Sache. Und wie das eben so ist bei einer Patenschaft in einem Entwicklungsland, überweist man 1 x im Jahr den Spendenbeitrag und bekommt 1 x im Jahr ein Foto und ein Update zur Situation des Kindes. So war das auch bei uns die ersten Jahre. Bis ich letzten Sommer mal wieder meinen Rucksack packte und nach Kambodscha aufbrach…

In meiner Freizeit engagiere ich mich für eine Hilfsorganisation (nicht die, bei der ich die Patenschaft abgeschlossen habe). Der Bau und die Eröffnung eines Dschungelkindergartens standen auf dem Programm. Nach einer intensiven Zeit mit unvergesslichen und wundervollen Momenten hatte ich noch genau 1 Tag Zeit in Battambang, der drittgrößten Stadt Kambodschas, bevor es wieder zurück nach Deutschland gehen sollte. Da schoss mir ein Geistesblitz in den Kopf: vielleicht kann ich ja noch mein Patenkind besuchen, das in Battambang als Müllsammlerkind auf der Mülldeponie lebt. Ich fragte bei ehrenamtlichen Kollegen, die die Müllsammlerkinder betreuen, an und das Unmögliche wurde möglich. Noch nie zuvor hat eine Patin aus einem westlichen Land ihr Patenkind auf der Mülldeponie in Battambang tatsächlich live und in Farbe besucht.

Als ich in einem Tuk Tuk, einem dreirädrigen Taxi, das in Kambodscha ein gängiges Fortbewegungsmittel ist, am Kindergarten am Rand der Deponie ankam, rannten sofort alle Kinder raus um uns zu begrüßen. Ein Kind rannte vorne weg direkt auf mich zu, umklammerte meine Beine und drückte sich fest an mich. Nach ein paar Sekunden drehte sie ihren Kopf hoch und schaute mich strahlend an und ich konnte meinen Augen nicht trauen. Das war SIE, mein Patenkind – ich kannte sie ja schließlich von den Fotos. Aber ich hatte ihr nie ein Foto von mir geschickt, sie konnte also nicht wissen, wer ich bin. Unsere Verbindung war offensichtlich: sie hat mich (erneut) ausgesucht. Ich hob sie hoch und wir umarmten uns ganz innig. Wenn ich jetzt an diesen magischen Moment zurückdenke, bekomme ich immer noch Gänsehaut…

Dann gingen wir mit den Kindern rein in den Kindergarten, den die Organisation aufgebaut hatte und die kleine Maus zeigte mir, wie toll sie schon Zahlen schreiben kann. Sie geht mittlerweile in die Grundschule, kommt aber jeden Nachmittag zum Kindergarten zurück um dort ihre Hausaufgaben zu machen und schreiben zu üben. Die Betreuerin erzählte mir, dass sie eines der fleißigsten Kinder sei und das machte mich schon ganz schön stolz. Dann fragte mich die Kindergartenleiterin, ob wir gemeinsam ihr Zuhause und ihre Familie besuchen wollen. Natürlich, wollte ich wissen, wie sie lebt und so machten wir uns auf in die Müllberge…

An diesem Tag hatten wir Glück, denn der Wind kam aus der „richtigen“ Richtung, sodass wir keine Gasmasken tragen mussten, um uns vor giftigen Dämpfen zu schützen. Denn die Deponie brennt und je nach Windrichtung ist es dort nicht ungefährlich. Auf unserem Weg durch die Deponie habe ich Dinge gesehen, die ich mein Leben lang nie wieder vergessen werde. Ein kleiner Junge, vielleicht 1 Jahr alt, krabbelte nackt und heulend durch den Müll, mit Kot verschmiert und sein kleiner Körper war voller Fliegen. Sein Vater saß in der Nähe, hochkonzentriert dabei Flaschen aus dem Müll zu sortieren, denn diese können die Müllsammler verkaufen. Tränen kullerten über mein Gesicht.

Dann kamen wir an dem kleinen „Dorf“ inmitten der Müllberge an. Eine Art Siedlung, wo sich ein paar Müllsammlerfamilien zusammengetan und sich kleine Häuser aus Müll gebaut haben. Vielleicht ist „Haus“ auch der falsche Begriff. Es waren Stöcke, an die Stoffe gebunden waren – also keinerlei Schutz gegen die giftigen Dämpfe oder Regen. Und dann traf ich auf die Eltern meines Patenkindes. Das war einerseits sehr schön, aber um ganz ehrlich zu sein, wusste ich auch nicht so recht, was ich sagen sollte – ich war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Und das passiert mir wirklich nicht so oft in meinem Leben. Die ganze Situation war einfach überwältigend.

Dann gingen wir wieder zurück zum Kindergarten. Ich hatte Bananen für alle Kinder auf dem Markt gekauft, die wurden nun gemampft. Wir tobten rum und lachten viel. Und auch wenn sich das jetzt für euch vielleicht komisch anhört: am Ende des Tages sind es Kinder, die spielen und Spaß haben wollen – zumindest für ein paar Stunden am Tag, in denen sie nicht im Müll sein müssen. Dann musste ich leider aufbrechen und am nächsten Tag flog ich zurück nach Deutschland.

Vom Flughafen ging es direkt zum nächsten Schauspieljob. Ich checkte in einem 4**** Parkhotel ein, das vom Kunden bezahlt wurde und stolperte durch das Hotel-Restaurant, in dem ein riesiges Gourmet-Buffet aufgebaut war – wie in Trance, absolut verwirrt und wie betäubt vom Gegensatz dieser unterschiedlichen Welten. Am nächsten Tag in meiner Mittagspause saß ich nun also in diesem wunderschönen Park vor dem Hotel und hatte endlich etwas Zeit zum Reflektieren und um klare Gedanken zu fassen. Hier sind meine persönlichen Konklusionen:

* Mein kambodschanisches Patenkind und ich leben in verschiedenen Realitäten.

* Keine Realität ist „besser“ oder „schlechter“ als die andere.

* Es gibt unendlich viele verschiedene Realitäten auf dieser Welt.

* Ich möchte mich nicht „schuldig“ fühlen, nur weil ich in einer westlichen Welt geboren wurde.

* Ich möchte kein Mitleid haben mit Menschen, die in Entwicklungsländern geboren werden.

* Aber ich möchte auf jeden Fall weiterhin Menschen unterstützen, die Hilfe benötigen und ihnen dienen.

* Wir können so viel voneinander lernen.

*Auch wenn wir in völlig unterschiedlichen Realitäten leben, leben wir immer noch auf ein und demselben Planeten.

* Auf diesem Planeten sind alle / ist alles miteinander verbunden.

* Also bin ich sie – und sie ist ich.

* Ich entscheide mich ganz bewusst für die Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass es mir möglich ist zu reisen und solch gegensätzliche Realitäten nicht nur in einer TV-Doku zu sehen, sondern sie selbst zu erfahren – körperlich, geistig und emotional.

*Ich lebe in meiner Realität (in einem westlichen Land, voll von wunderschönen Hotels, erfüllenden Schauspieljobs, gesundem Essen… mehr als genug von allem) und sie lebt in ihrer Realität (in einem Entwicklungsland, auf einer Mülldeponie, wo täglich ums Überleben gekämpft wird… viel zu wenig von allem was wirklich nötig ist). Aber ich werde versuchen auf sie aufzupassen, so gut es irgendwie geht. Das ist schließlich die Aufgabe einer Patentante, oder?

Autorin

Sandra-Fleckenstein

Mein Name ist Sandra Fleckenstein. Ich bin Schauspielerin und kann dadurch alles sein – Mutter, Tochter, Geheimagentin oder Vorleserin. Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck – oder in Kambodscha. Denn ich bin Gründungsmitglied einer Hilfsorganisation, die sich dort für die Verbesserung der Lebensbedingungen notleidender Kinder einsetzt.

Foto: Robert Schlesinger