Tabuthema –
nicht gerne schwanger!

Meine Schwangerschaft kam unverhofft und gerne schwanger, war ich ehrlich gesagt auch nicht.

Meine Schwangerschaft kam unverhofft und gerne schwanger, war ich ehrlich gesagt auch nicht.

Tabuthema –
nicht gerne schwanger!

Blogazine THE PARENTS NEXT DOOR Alexia von Wismar Mama Bloggerin Eltern Familie Menschen Leben Lifestyle

Alexia von Wismar
THE PARENTS NEXT DOOR

Patientin (weinerlich)
Warum bin ich denn nicht gerne schwanger – so wie alle anderen auch?
Habe ich überhaupt das Recht nicht gerne schwanger zu sein – wo doch so viele Frauen versuchen es zu werden? Warum kann ich nicht einfach dankbar sein?

Frauenärztin (beruhigend)
Machen Sie sich nicht so viele Gedanken und die einzige Frau auf diesem Planeten die nicht gerne schwanger ist, sind Sie nun auch nicht Frau von Wismar.

Heute noch, einige Jahre später finde ich es schade nicht gerne schwanger gewesen zu sein.

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Bildrechte: Adobe Stock / Von Gajus

Warum war ich nicht gerne schwanger?

Ich glaube, ich musste erst verstehen, dass ich Mutter werde, ein Kind wuchs in mir heran. Mit jeder SSW mehr auf den Hüften galt es sich vom alten Leben zu verabschieden. Das viel mir sehr schwer. Ich hatte oft Angst in den neun Monaten, fühlte mich unverstanden häufig einsam. Umso wichtiger finde ich, dass offen über dieses „Tabuthema“ gesprochen wird.

Ich erinnere mich, freischnautze gesagt zu haben, wie ätzend ich es finde, schwanger zu sein – im gleichen Atemzug meinen Bauch dabei streichelte und zum „Bebie“ im Bauch flüsterte: „Sorry Kleines etwas, es ist wirklich nichts gegen Dich.“ Die Aussage an sich „nicht gerne schwanger“ zu sein, hat mir nie jemand krummgenommen. Es gab wirklich viele Tage in dieser Zeit, an denen ich mich selbst nicht wiedererkannte, in meiner Handlungs- und Denkweise.

Verhalten

In den ersten drei Monaten meiner Schwangerschaft habe ich das Handy ausgeschaltet, weil ich maßlos überfordert war mit meinem Leben – da brauchte ich keine Nachrichten, die ständig irgendwo aufpoppten. Somit wurden auch alle aktiven Socialmedia Accounts lahm gelegt, ein Netflix-Abo abgeschlossen und vor allem an Wochenenden von morgens bis tief in die Nacht Serien und Filme geschaut – und das ist mein absoluter Ernst.

Ich habe mich für eine lange Weile von allem und jedem abgeschottet, bis zum Ende meiner Schwangerschaft Stresssituationen gemieden und mich absichtlich in eine Welt der Romantic Comédies, Sitcoms, Dokumentationen über die Welt, das Leben, Essen und so weiter gebeamt. Heile Welt um mich herum, dass wollte ich, das scahffte ich mir. Nicht mehr und nicht weniger.

Bitte keine Fotos von mir machen. Warum? Danke! Tatsächlich gibt es nur eine Handvoll Bauchbilder von mir.

Ich wurde blond und Auto fahren wollte ich ab dem 4. Monat auch nicht mehr.

Gelüste

Deutsche Hausmannskost stand ganz oben auf meiner Unterbewusstseins-Ernährungsliste. Ich wurde zu einem Malzbierjunkie und selbst gemachte Brownies nach einem Rezept von Cynthia Barcomis standen ziemlich häufig irgendwo in der Küche herum. Ich habe es wirklich versucht, mich gut zu ernähren. Ging einfach nicht, wirklich nicht. Und ich bin normalerweise sehr diszipliniert, was das Thema Essen angeht.

Irgendwann war der Punkt of no return erreicht, der Hefekuchen war aufgegangen und folgende Denke die logische Konsequenz: „E-g-a-l. Du bist schwanger. Nimm wonach dein Körper verlangt. Nur noch diese eine Tafel Schoki … und dann nur noch …“

Ich nahm immer mehr an Gewicht zu. Am Ende meiner Schwangerschaft sollten 99 Kg auf der Waage bei meiner Frauenärztin stehen. Fast 40 Kilo hatte ich in neun Monaten mehr auf den Rippen. Mon dieu. Es machte sich auch in allen Lebenslagen bemerkbar. Treppen steigen, laufen an sich, Schuhe zu binden, duschen, aus der Liegepostion wieder zurück in die Sitzposition, bücken um in die Schuhe reinzukommen. Alles ein Wahnsinns-Akt. Nach guten eineinhalb Jahren war alles wieder weg. Ich habe keine Diät gemacht, sondern einfach auf mich und meinen Körper gehört und fast ein Jahr gestillt.  Tag für Tag ging es wieder in die vorschwangerschaftliche Haut Couture.

Körpergefühl

Von wegen Haut Couture: während der Dickbauch-alles-dick-Zeit trug ich diese eine ganz bestimmte schwarze Leggins, die es nur bei C&A gab und hatte jene dann hundertfach in Größe S, weil das ja klar ist. Eigentlich wollte ich doch auch eine hübsche Berliner-Hipster und wahnsinnig gut gekleidete Schwangere sein, der man von hinten nicht ansieht, dass sie vorne überhaupt eine Kugel mit sich rumträgt. Bei mir war eher von vorne, wie von hinten angesagt. Sexy habe ich mich wirklich nicht gefühlt. Ich war einfach ein Mutter-Tier. Danke nochmal an meine Familie und Freunde, dass ihr mir trotzdem immer wieder gesagt habt, wie schön ich aussehe.

Die Oberschenkel rieben aneinander. Mit Beginn des vierten Monats begann es bei mir und somit veränderte sich auch meine Gangart in den Obelix-Watschel-Schunkel-Gang. Ein wahnsinnig unangenehmes Gefühl, diese ständige Reibung, so dass ich wirklich konstant eine Leggins trug. Die waren natürlich nach ein paar Wochen immer aufgescheuert, deshalb hatte ich davon Hunderte gekauft.

„Darf ich mal…“ und schon hatte ich fremde Hände am Bauch. Sogar meine Brüste wurden von einer Frau einfach mal angefasst, ohne mich vorher zu fragen und ich hätte sicherlich NEIN gesagt. Du stehst da mit deiner Schwangerschaftsdemenz und kannst gar nicht so schnell reagieren, wie die fremden Patscher an dir kleben. Wie kann es sein, dass schwangere Frauen sofort und meist ungefragt an den Bauch gefasst werden?

Gefühle

Stimmungsschwankungen hatte ich nur mäßig. Bei mir waren es eher Ängste und Sorgen, die immer wieder aufkamen. Schaffe ich das alleine? Wird das Kind gesund sein und ich eine gute Mutter werden? Warum muss ich so viel Papierkram ausfüllen? „Mein Name ist Dori. Äh, Tchibo. Äh? Verdammt.“ Das waren meine Problemchen.

Schwangerschaftsdemenz und starres in die Luft schauen, vor mich hin träumen war ganz großes Kino und eine Konstante. Mit der Stillzeit wurde das natürlich nicht besser und ich hätte im Leben nicht gedacht, dass es noch schlimmer werden würde. Ich konnte mir nichts mehr, aber auch gar nichts mehr merken, war unsicher und wollte keine Entscheidungen treffen, weil es mir so wahnsinnig anstrengend war. Durch und durch verpeilt. Und als Singlemom kann ich euch sagen, muss man echt einiges in diesem verwirrten Zustand rocken.

Die ersten zwölf Schwangerschaftswochen waren die Hölle, gut. Aber danach war alles nur noch easy peasy, eine Bilderbuchschwangerschaft mit ganz viel Gewicht.

Vertrauen

Der Crash-Kurs Geburtsvorbereitung, war richtig toll. Ich hatte keine Lust auf einen klassischen Hechelkurs und meine Hebamme meinte: „Wir machen an einem Wochenende im Monat an zwei Tagen eine Veranstaltung, dass kann ich dir auf jeden Fall empfehlen.“ Und es war echt toll. Es wurden Fragen gestellt, von Eltern die das zweite oder dritte Kind erwarteten, Dinge auf die ich als Anfängerin ja nie gekommen wäre. PDA, Vitamin K, Tragesysteme oder Tragetuch, Geburts-Horror- Geschichten, Stillen pro und contra und so weiter. Mein Din-A4 Blatt, das ich mitgebracht hatte, war voll gekritzelt. Etwas schönes hatte dieser Wochenend-Geburtsvorbereitungs-Crash-Kurs noch, ich habe einen ganz lieben und tollen kreativen Menschen dort kennengelernt Christina Feldt

Nichts habe ich für die Geburt geplant. Alles habe ich intuitiv aus der Situation entschieden und mich da auch nicht aus der Ruhe bringen lassen. Selbst als ich mich im Krankenhaus zur Geburt anmeldete, war meine Aussage zur Hebamme: „Et kütt, wie et kütt. Ich lass mich einfach fallen und Sie sagen mir, was ich zu tun habe, okay?“ Die beste Entscheidung ever, im nachhinein. Ich würde es für mich auch immer wieder so machen. In den ersten Monaten dachte ich, jemanden während der Geburt bei mir zu brauchen. Am Ende war ich unendlich glücklich über meine Entscheidung, die komplette Geburt alleine gerockt zu haben. Mehr zum Thema Geburt in einem meiner nächsten Artikel.

Am Ende dieser Reise,
habe ich als Frau alles mit meinem Körper erreicht, wofür unsere Spezies steht. Ein großartiges Gefühl, welches ich jeder Frau von Herzen wünsche. Nicht gerne schwanger gewesen zu sein, hat die unendliche Liebe zu meinem Kind in keinsterweise beeinflusst.