Trauer und Weihnachten

Wenn die Weihnachtsstimmung
keine Stimmung macht.

Trauer & Weihnachten

Wenn die Weihnachtsstimmung
keine Stimmung macht.

Janina Rogoll Fehlgeburt Totgeburt Der Verlust eines Kindes The Parents Next Door Bloagzine Eltern

Janina Rogoll
Psychologische Psychotherapeutin

Im Supermarkt fällt es als erstes auf: Es weihnachtet sehr. Man hört die ersten Weihnachtslieder im Radio auf der Fahrt zur Arbeit, die ersten Adventskalender werden in den sozialen Medien angepriesen und die unglaublich kitschigen Lichterketten flackern abwechselnd im schönsten Lila, Rot und Grün von den Balkonen. 

Für viele Menschen ist die Weihnachtszeit der schöne, gemütliche Abschluss eines Jahres. 

Für andere Menschen beginnt mit dem Dezember eine sehr verletzliche und schwermütige Zeit. Eine Zeit, in der sie nochmal anders um einen geliebten Menschen trauern. 

Bildrechte: AdobeStock © OFC Pictures

Wenn die Augen der Mitmenschen leuchten, Familienfotos verschickt werden und Karten mit der Aufschrift „Merry Christmas“ eintrudeln, möchten sich trauernde Menschen am liebsten verstecken. Nichts erscheint sinnvoll. Erinnerungen, die man mit dem Verstorbenen verbindet, kommen hoch. Lieder, die vermitteln, dass „Fröhliche Weihnacht überall“ ist, schmerzen. 

Eigentlich sollte der Mensch der verstorben ist doch noch dabei sein. Wenn die Welt scheinbar in einem Weihnachtszauber versinkt, fehlen uns die Verstorbenen besonders. Wir besinnen uns auf die Familie, kommen mit Freund:innen zusammen oder kreieren unseren eigenen Jahresrückblick. An solchen emotionalen Tagen wird nochmal mehr deutlich, dass jemand fehlt. Das ist sehr schmerzhaft, aber ein ganz normal menschlicher Prozess. Diese Trauer, dieser Schmerz den man in solch einer Zeit spürt ist der beste Beweis für die Liebe und Zuneigung die man für die verstorbene Person empfunden hat. 

Wie kann man also der Weihnachtszeit begegnen?

Eines vorweg: Trauerwellen werden kommen, wir wollen sie nicht vermeiden. Sie helfen uns das Geschehnis zu realisieren. Ebenfalls schützen sie uns auch vor einem zu schnellen Aktionismus. Sie helfen uns dabei uns auszuruhen, uns etwas zurückzuziehen, um wieder erneut Kräfte zu mobilisieren. 

Damit aus Trauerwellen jedoch keine Trauer-Tsunamis werden, kann es helfen ein paar Dinge zu berücksichtigen. 

Das Wichtigste zuerst:

Die verstorbene Person hat einen Platz! An den Feiertagen über die Person die fehlt zu schweigen ist nicht zu empfehlen. Sie ist doch sowieso in jedermanns Kopf. Ob Besucher:innen oder andere Zugehörige; Jeder weiß wahrscheinlich, dass es einen Todesfall gab. Nicht darüber zu reden, macht diesen auch nicht wieder lebendig. Außerdem kann darüber zu sprechen sehr entlastend sein. Hilfreich ist es auch, die Verstorbenen mit in die Weihnachtszeit und den Heiligen Abend miteinzubeziehen.

Wie kann das aussehen?

Viele Familien knipsen von ihrem Weihnachtsbaum ein paar Zweige ab und bringen sie zum Grab oder legen diese an einen symbolische Gedenkplatz. Verwaiste Eltern lassen sich beispielsweise oftmals eine Christbaumkugel mit einem Foto ihres Kindes anfertigen um es dabei zu haben. Weitere gestalten Weihnachtsgeschenke wie eine personalisierte Solarkugel oder eine Laterne für das Grab. Übrigens kann man als Zugehöriger auch etwas schenken, was auf den Verstorbenen/ die Verstorbene bezogen ist. Hier eignen sich Gutscheine für Blumen, Kerzen oder personalisierte Erinnerungsstücke. 

Eine frühzeitige Planung der Feiertage ist ebenfalls zu empfehlen. Wenn es einen Plan gibt, fühlen sich diese Zeiten etwas kontrollierbarer an.

Egal was, egal wie- eine Planung kann einem selbst und auch Zugehörigen helfen. Doch ein Plan für die Weihnachtsfeiertage gibt nicht nur Sicherheit. Er hilft auch etwas „aktives“ zu tun und gibt uns ein Gefühl ein wenig beeinflussen zu können. Plant zum Beispiel mit wem ihr Weihnachten verbringen wollt, wann ihr zum Grab geht, was ihr kocht oder welche Filme sich eignen um emotionale Tsunamis zu vermeiden. 

Ihr wollt keine Überraschungsbesuche, keine fröhlichen Weihnachtskarten, keine mehrmalige Nachfrage ob man nicht doch noch vorbeikommen möchte? 

Dann sind wir bei meinem Lieblingsthema, der Gebrauchsanweisung für Familie und Freude. Kommuniziert eure Bedürfnisse und Wünsche. So weiß jeder Bescheid was ihr euch wünscht und ihr helft euren An- und Zugehörigen die Situation besser einschätzen und danach handeln zu können. Für den Fall, dass eure im Vorfeld formulierten Grenzen nicht respektiert werden ist es gut zu wissen, dass man trotzdem Handlungsmöglichkeiten hat. So gibt es eine Stumm-Taste am Telefon, die Tür muss man nicht öffnen wenn es klingelt und Briefe muss man nicht sofort lesen. 

Wenn die Gedanken an Weihnachten wirklich Angst machen, dann können auch neue Traditionen etabliert und alte durchbrochen werden. Warum einen grünen Kunstbaum? Versuche weiß! Warum ein traditionelles Essen? Grillen kann eine Alternative sein. 

Eine Verschiebung des Weihnachtsfestes kann auch helfen: Bei einigen katholischen und/oder orthodoxen Christen gilt der 6. und 7. Januar als Heiligabend. In Russland, Georgien, Armenien, Weißrussland, Serbien, Ägypten, Äthiopien und Kasachstan wird erst im Januar Weihnachten gefeiert. „Dieses Jahr halte ich es russisch“ kann ein Satz für den Dezember sein, der eine kleine Erleichterung hervorruft.

Es lohnt sich auch seine eigenen „Fallen“ zu kennen. Wenn man zu übermäßigem Alkoholkonsum neigt, wäre es gut an den Feiertagen diesen nicht im Haus zu haben. Bei vermehrtem Rückzug sind feste Telefontermine mit Freund:innen zu vereinbaren. Bei der Tendenz melancholische Musik bei trauriger Stimmung zu hören kann eine vorher erstellte Playlist mit anderen Liedern helfen. 

Übrigens kann man auch einzelnen Profilen in den sozialen Medien entfolgen und diese erst nach dem Weihnachtstrubel wieder abonnieren. 

HILFE

Für den Fall, dass man nicht weiß mit wem man reden kann oder sich komplett allein und überfordert fühlt ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar:

0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222.

0800 / 111 0 111
oder
0800 / 111 0 222.

Die Vermeidung von Feiertagen und Trauer führt langfristig nicht zu einer Besserung. Jedoch muss man sich manchmal aber auch erst „stabilisieren“ um sich einer Konfrontation zu stellen und dann entsprechend mit dieser umzugehen.

Ich wünsche euch Erinnerungen, die euer Herz öffnen! 

Artikel von Janina